Wintersport mal anders

Die Idee kam spontan und frei nach dem Motto "Warum nicht?" entschloss ich mich, das überraschende Angebot von Ralf, zum Segelflugleistungszentrum in die Provence mitzufahren, anzunehmen.

Es war ja noch Winter, entsprechend kaltes Wetter war zu erwarten, weshalb mich mein Mann keinesfalls begleiten würde, das war klar. Also fuhr ich nur mit Ralf und seinem Flugzeug hinten dran. Tom und Mario von der Binz, die ihren Doppelsitzer mitnahmen, waren bereits zwei Tage zuvor gefahren. Meine drei Reisebegleiter hatten sich am Flugplatz ein geheiztes Chalet gegönnt, während ich auf dem Campingplatz direkt daneben im Klappdachzelt meines Bullis in zwei Schlafsäcke gekuschelt mit Socken und Mütze schlafen würde, obwohl man mir angeboten hatte, auch im Chalet zu wohnen. Aber ich liebe einfach diese Freiheit, diese Naturnähe, diese Unabhängigkeit, meinen kleinen Rückzugsort.

Am 9. März um 8 Uhr ging es von der Binz bei gutem Reisewetter los. Das sehr lange Gespann mit Ralfs Nimbus 4DM ließ sich prima fahren. Nur in einer etwas verwinkelt angelegten Tankstelle blieb uns nichts anderes übrig, als den Anhänger abzuhängen, denn ich hatte uns zwischen Beton- und Benzinsäulen, Bordsteinkante und Kassenhäuschen festgefahren. Gegen halb neun abends hatten wir unser Ziel endlich erreicht. Da es dort seit Samstag schon regnete und die Grasnarbe noch im Winterschlaf war, glich der riesige Flugplatz mit seinen fünf Startbahnen eher einer ockerfarbenen Schlammlawine.

Das Briefing gegen zehn am Dienstagmorgen versprach eine dreistündige Regenpause, die wir zum Aufrüsten der beiden mitgebrachten Doppelsitzer nutzten, wobei der weiche Boden etwas hinderlich war, aber zu viert mit vereinten Kräften ging es.

Mittwoch war das regenfreie Zeitfenster schon lang genug für einen ersten Orientierungsflug rund um Château-Arnoux-Saint-Auban. Der erste Flugzeugschlepp den benachbarten Gebirgszug Montagne de Lure hinauf, war für mich schon recht spannend, denn trotz ausreichend erreichter Höhe über dem Flugplatz war die geringe Höhe über Grund optisch sehr gewöhnungsbedürftig und das Horizonthalten in einem mir nicht gut bekannten großen Doppelsitzer an einem schrägen Berg, der den Horizontblick versperrt, wäre für mich auch nicht ganz einfach gewesen. Die Thermik war eh noch etwas schwach, weshalb Ralf sein Flugzeug selbst steuerte, während ich die wundervolle Aussicht auf die provenzalische Landschaft und bis zum Mittelmeer genießen durfte. Während wir in der Eifel noch gar nicht mit der Flugsaison begonnen haben, blühen hier bereits die Obstplantagen in weiß und rosé. Nachmittags besuchten wir unsere beiden Fliegerfreunde auf dem Nachbarflugplatz Sisteron. Beim Rückweg verzauberte stimmungsvolles warmes Licht dieses malerische Städtchen, die Felsen und die Festung.

Donnerstag waren wir ein wenig zu ungeduldig, denn morgens waren schon Lenticularis am Himmel und das Wetter war thermisch gut angekündigt. Endlich kam mittags die Schleppmaschine. Der erste Bart nach dem Ausklinken war keiner, der nächste auch nicht und so wären wir beinahe schon wieder gelandet, wenn uns nicht der Propeller hinter mir wieder in gescheite Höhe gebracht hätte. Ein paar weitere ärgerliche Fehlbohrungen folgten und wir brauchten den Motor tatsächlich noch ein zweites Mal! Dann aber ging es endlich thermisch los - darauf hätten wir auch gut am Boden warten können. Die Welle über dem Gebirge hatte sich leider inzwischen aufgelöst. Das weite Tal der Durance, schroffe Felsrippen, hübsche alte Dörfer, smaragdblaue Seen, steile Felswände, an denen wir sehr nah vorbeizischten, um die dortigen Aufwinde zu nutzen - all das ließ mich überwältigt und ziemlich sprachlos zurück. Wie schön, dass Ralf hier einiges an Erfahrung zu unserer Sicherheit im Gepäck hatte und der Luftraum jetzt vor Ostern noch schön leer war. Draußen war es bitterkalt, aber drinnen ging es mir gut, denn ich hatte mich warm eingepackt wie zum Langlaufskifahren: Shirt, Fleecejacke, Polarfleecepulli, Schal, Mütze, Handschuhe, Skiunterwäsche, gefütterte Membranhose, dicke Socken, Wanderschuhe und die beheizten Sohlen waren der Hit.



 

Freitag war dann der beste Tag der Woche. Zunächst flogen wir das Durance-Tal hinunter, bogen dann bei den überlaufenden tiefblauen Stauseen nach Osten ab. Hier war unser Ziel der klare Lac de Sainte-Croix, in den aus einer 700 m tiefen Schlucht der Verdon mündet. Sein Türkis ist der Hammer. Hier kamen Erinnerungen hoch, denn dort unten bin ich als Kind bereits gewesen. Von hier aus flogen wir und die beiden anderen Eifeler dann gemeinsam den sogenannten Parcour entlang, eine lange Gebirgskette an der man hinauf ins Hochgebirge fliegen kann. Spannend war es, wie nah wir an die schneebedeckten Berge heranflogen, um den optimalen Aufwind mitzunehmen, um über die Grate zu kommen. Einfach mal auf eine Wand zufliegen, da braucht man schon Gebirgserfahrung und gute Nerven und immer einen sicheren Fluchtweg zum Abgleiten ins Tal.

Einmal flogen wir über Liftanlagen, wo die Skifahrer verdutzt stehen blieben, um uns nachzuschauen. Interessant waren auch die vielen Tierspuren hier oben in der eher lebensfeindlichen Eiswelt. Wir sind mit Gänsegeiern und Steinadlern zusammen gekreist und sahen tief unter uns einen Schwarm Kraniche gen Skandinavien fliegen. Inzwischen hatten wir mehr als 3100 m Höhe und es tat gut, mit Sauerstoff versorgt zu sein - ohne Kopfschmerzen oder Müdigkeit, einfach nur das Glück genießen. Wir glitten Richtung Westen, denn ich wollte den großen Lac de Serre-Porçon und die Flugplätze Sisteron und Gap-Tallard noch mal sehen, wo ich zuletzt vor 33 Jahren geflogen bin. Am Nachmittag kehrten wir rechtzeitig nach Saint-Auban zurück, um die beiden Doppelsitzer noch im Hellen wieder abzubauen, denn der Kurzurlaub ging leider schon zu Ende. Wie immer hatten wir vier auch beim gemeinsamen Abschlussessen ziemlich viel Spaß miteinander.

In der Nacht auf Samstag hatte es bis etwa 600 m tief runter geschneit, meine Bullischeiben hatten Eisblumen angesetzt, es war ziemlich windig und morgens begann es erneut zu regnen. Wir nutzen den Vormittag daher noch für Einkäufe provenzalischer Spezialitäten und machten, als es mittags schön sonnig wurde, noch eine Tour nach Forcalquier, einem pittorestken alten Städtchen mit engen Gässchen. Es ging sehr steil die schmalen steinigen Wege hinauf zu einer Zitadelle. Herrliche Aussichten bis in die verschneiten Alpengipfel boten uns unauffällige Verschnaufpausen. Ein freundlicher älterer Franzose führte uns oben auf dem Berg durch die helle kleine runde Kirche der Schutzpatronin der Provence. Erstaunlich, was man alles mit Händen und Füßen verstehen kann, wenn man will.

Sonntag fuhren wir entspannt heimwärts - ohne Anhänger, denn die Flieger warten dort unten nun auf ihre Besitzer, die schon Ostern mit ihren Familien zum Fliegerurlaub wiederkommen werden.

Mein ganz herzlicher Dank gilt Ralf, der mir diese fantastische Tour de France ermöglicht hat. Kann es ein traumhafteres Erwachen aus dem fliegerischen Winterschlaf geben?

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